Archive | Projektbeschreibungen

Webbasierte Realisierung

Noch immer werden Publikationen erstellt, als ob es das Web 2.0 nicht gäbe:

In dem einen Modell liefern Autoren Texte, die von Mediengestaltern mit viel Aufwand umbrochen werden, und von den Autoren selbst, den Redakteuren oder Korrektoren – vielleicht sogar in einem dreistufigen Verfahren und damit mehrmals – auf Papierausdrucken gelesen und mit Korrekturen oder umfangreicheren Änderungen versehen werden. Die Ausführung der Korrekturen und Änderungen übernimmt dann der Mediengestalter, der sich ängstlich fragt, ob er diese Arbeiten wohl dieses Mal einigermaßen angemessen bezahlt bekommt.

In dem anderen Modell liefern Autoren Texte, die die Redakteure selbst umbrechen. Das hat den Vorteil, dass sie die Texte direkt an das Layout anpassen können. Hurenkinder, Schusterjungen, Überhänge und Unterlängen – das alles können sie unmittelbar ausräumen. Dazu aber müssen sie ein Layoutprogramm beherrschen, was nicht ganz ohne ist, weil Layoutprogramme grundsätzlich recht komplex (und nebenbei: auch recht teuer) sind. Und sie müssen das Handwerk des Gestalters beherrschen, was ja ein eigenständiger Beruf ist. Das ist ein ehrgeiziger Anspruch! Während sich die Redakteure also um die Gestaltung kümmern, vernachlässigen sie zwangsläufig, wofür sie ursprünglich angetreten sind: den Inhalt.

Alternativ gibt es ein weitaus komfortableres und dank der Arbeitsteilung zwischen Redaktion und Gestaltung auch professionelleres Verfahren: die Arbeit mit einem Webdateiserver und mit Adobe InCopy. Webdateiserver wie zum Beispiel die (bis 2.GB kostenlose) Dropbox ermöglichen die Zusammenarbeit auf Distanz. Dateien, die auf dem lokalen Rechner in einen speziellen Ordner gespeichert werden, kopiert die Dropbox-Software auf einen dezentralen Rechner, von wo andere Teammitglieder – die zuvor  projektbezogen eingeladen wurden – darauf zugreifen können.

Ganz raffiniert wird diese Form der Zusammenarbeit, wenn man die Zusammenarbeit zwischen Gestaltung und Text darüber hinaus mit InDesign und InCopy organisiert. InCopy ist ein Texteditor für InDesign-Dateien, der die redaktionelle Arbeit zeilengenau in umbrochenen Seiten erlaubt. Da die hinterlegten Daten des zu bearbeitenden Dokuments im Wesentlichen identisch sind mit denen der InDesign-Datei, kann parallel ein Layouter die Seiten gestalten.

Voraussetzung ist, dass der Layouter seine InDesign-Datei für InCopy abspeichert und so der Redaktion zur Verfügung stellt, am besten eben in einem Webdateiserver, über den die Redaktion direkt auf die Dokumente zugreifen kann.

Dieses Modell spart nicht nur die Kosten der sogenannten Autorenkorrekturen (die ja auch aus der Redaktion, dem Lektorat oder dem Korrektorat kommen können), sondern beschleunigt auch die Abläufe und führt dank der zwar engen, aber sehr unaufwendigen Zusammenarbeit zwischen Redaktion und Gestaltung darüber hinaus zu besseren Ergebnissen.

Die Reihe „Duden Praxis“

Seit ein paar Jahren bereits gab es einzelne Duden-Ratgeber, als wir uns 2009 dran machen sollten, sie in einer einheitlich gestalteten Reihe zusammenzufassen. Eine Aufgabe ganz nach meinem Geschmack!

Wichtig war uns ein äußerst flexibles Layout, das eine große Vielfalt an Textsorten zuließ, und eine auch am Bildschirm sehr gut lesbaren Typographie. Das war deshalb nötig, weil die Bände auch zum Download im Duden-Downloadshop als Pdfs angeboten werden sollten – und heute angeboten werden (mit sehr beachtlichem Erfolg).

Brockhaus Sachlexika

Neben den allgemeinen Lexika des Brockhaus Verlags gab es seit je einzelne thematische. Das älteste und zugleich erfolgreichste thematische Lexikon war der Gesundheits-Brockhaus, der in erster Auflage 1951 erschienen war. Ende der 1990er-Jahre schlugen Jürgen Hotz und ich vor, eine ganze Reihe thematischer Lexika zu entwickeln. Die Reaktion im Verlag war enttäuschend. Außer uns beiden konnte sich das im Verlag schlicht keiner vorstellen.

Aber wir ließen nicht locker, trugen immer weitere Argumente zusammen und konnten schließlich die Entscheider überzeugen (vielleicht haben wir sie auch nur zermürbt). 2001 jedenfalls erschienen die ersten Bände einer Reihe, die nach und nach auf annähernd zwei Dutzend Bände anwachsen sollte. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, waren diese Bände im Buchhandel sehr erfolgreich; die meisten haben auch allerbeste Amazon-Rezensionen und einige sogar hervorragende Fachrezensionen.

Zu diesem erfreulichen Erfolg trug mit Sicherheit auch das sehr angenehme Layout bei sowie die Erweiterung der klassischen Lexikonartikel um Sondertexte zum Beispiel in Infokästen oder Übersichtsartikeln und eine anspruchsvolle Bebilderung auch bei eher bilderfeindlichen Themen wie beim Brockhaus Philosophie oder beim Brockhaus Psychologie. Für die wirklich ausgesprochen fantasievolle Bebilderung und die aussagekräftigen Bildunterschriften gebührt Bildredakteurin Dr. Eva Bambach alle Anerkennung!

Automatisierung in der Redaktion

Die 20-bändige ZEIT Welt- und Kulturgeschichte ging aus einer Kooperation des Bibliographischen Instituts mit der ZEIT hervor – eine Herkulesleistung: wöchentlich erschien ein Band von 608 Seiten mit annähernd 400 Abbildungen, Karten, Grafiken und Tabellen sowie rund 150 Infoboxen, Zitaten und Quellen. Dieses Tempo war atemberaubend. Einhalten konnten wir es nur dank einer sehr guten, sehr kreativen und sehr vertrauensvollen Zusammenarbeit mit den Kollegen aus der legendären EDV des Bibliographischen Instituts, vor allem Roman Halstenberg. Seine analytischen Fragen, mit tiefem Interesse und großer Besonnenheit vorgetragen, hatten es in sich, gottseidank!

Die Texte lagen im SGML-Format in unserer Datenbank vor, waren allerdings noch nicht so strukturiert und getaggt, wie es die Publikation erforderte. Bei diesen Datenmengen (fast 30 Mio. Anschläge!) lohnte es sich, möglichst viele dieser Arbeiten dem Rechner anzuvertrauen. In regelmäßigen Teambesprechungen heckten wir immer neue Algorithmen aus, dank derer die redaktionell vorbereiteten Texte abschließend bearbeitet wurden. Wir nannten das scherzhaft oft automatische Redaktion.

Ein Beispiel von Dutzenden: Für das Gesamtregister in Band 20, das schließlich 30.000 (!) Fundstellen umfassen sollte, stellten wir eine Liste mit den wichtigsten Begriffe zusammen, die automatisch getaggt werden konnten, alle weiteren Begriffe taggten wir klassisch im Redaktionssystem. Aber: Wir verlinkten sie nicht. Das besorgte der Rechner. Er unterschied auch, ob eine Fundstelle aus dem Haupttext oder aus einer Bildunterschrift stammte. Im Layout sind diese dann entweder in der Grundschrift oder kursiv.

Die Bilder suchten wir in der verlagseigenen Bilddatenbank aus; hier wurden auch die Bildunterschriften erfasst, die Kapitelzuordnung sowie die Bildreihenfolge festgelegt und der Umfang berechnet. Sobald diese Arbeitsgänge für einen Band abgeschlossen waren, wurden die Metadaten den Texten zugespielt, und die Setzerei konnte mit dem — ebenfalls sehr weit gehend automatisierten — Umbruch beginnen.

Noch heute kann ich es kaum glauben, dass alle Bände termingerecht erschienen. Sind sie aber!

Das erste Großprojekt

Als Mitte der 1990er-Jahre Aufsichtsrat und Vorstand auf die Brockhaus-Redaktion zukamen mit dem Auftrag, mehrere Reihen zu entwickeln, die insgesamt praktisch das gesamte universitäre Themenspektrum abbilden sollten, war das der Anfang eines einzigartigen, faszinierenden Projekts. 36 Bände in sechs Reihen sollten es insgesamt werden.

Für die Reihe „Kunst und Kultur“ hatte ich, anfangs zusammen mit meinem Vorgesetzten, Dr. Rudolf Ohlig, die Projektleitung inne. Diese Reihe sollte alle Gebiete der Kulturwissenschaften abdecken, inhaltlich höchstes Niveau (Brockhaus eben) halten, aber der Form nach anschaulich und ohne Weiteres zugänglich auch für jeden Laien sein.

Um diesen Anspruch zu erfüllen, entschlossen wir uns zum einen zu einer opulenten Bebilderung, die nicht einfach nur illustrieren, sondern darüber hinaus auch im besten Sinne des Wortes visualisieren sollte. Die insgesamt 7000 Abbildungen kauften wir in aller Welt ein. Das war mitunter äußerst aufwendig und erforderte recht viel Kreativität: Ich erinnere mich, dass wir mehrfach Reinigungskräfte einspannten, damit sie zum Beispiel im Archäologischen Nationalmuseum in Istanbul anriefen, um die zugesagten Diasendungen einzufordern.

Das Autorenverzeichnis liest sich noch heute wie ein Who’s Who der Kulturwissenschaften: Jan Assmann, Gerhard Bosinski, Horst Bredekamp, Stephan Füssel, Horst Günther, Dieter Langewiesche, Peter Lösche, Wolfgang J. Mommsen, Hartmut Rosa, Annemarie Schimmel, Hans-Jürgen Schings sowie annähernd 200 weitere Wissenschaftler von internationalem Renomme arbeiteten an der Reihe mit. Bis auf wenige Ausnahmen durfte man den Eindruck haben, dass Ihnen die Arbeit genau so viel Spaß machte wie uns.